Personenzentriertes Systemverständnis

"Das Leben ist komplex und inadäquat zu reduzieren war nie meins" - in diesem Satz zum Abschluss eines Interviews von Werner Eberwein mit Professor Jürgen Kriz fühle ich mich sehr verbunden mit dem Begründer der Personenzentrierten Systemtheorie. Welche Erkenntnisse brachte das ca. 50 minütige Interview für meine Arbeit mit Führungskräften in Veränderungsprozessen?
1. Bestätigung meines Respekts vor der Komplexität von Führung im Wandel und meinem Antrieb, Führungskräfte mit dieser Komplexität nicht allein zu lassen. Die Beschreibung, dass neue Ordnung in komplexen Anpassungsprozessen nicht linear und völlig planbar entsteht, sondern nicht lineare und teilweise chaotische Prozesse nötig sind. Dazu braucht es Dialog und Ermutigung, den scheinbaren Stillstand auszuhalten und das Vertrauen, dass die menschliche Intelligenz und die sozialen Prozesse die neue Ordnung erzeugen werden. Die Systemtheorie beschreibt hier das Phänomen der Emergenz - die neue Ordnung, die kognitive Einsicht entsteht, aber nicht immer nach Plan. Hier gilt es, Vertrauen und Geduld aufzubringen in der Führung durch die Veränderungskurve - in der Selbst-Führung und der Führung von anderen.

2. Die Kombination von vier relevanten Betrachtungsweisen für das Verstehen von Menschen und deren Reaktionen im Übergang einer alten Ordnung zu einer neuen Ordnung. Diese Übergänge sollten wir aktiv gestalten als Berater und Führungskräfte, wenn wir Neuausrichtungen von Strategien, Strukturen und Prozessen veranlassen. Kriz erweitert mein bisheriges Betrachtungsmodell der 3 Wesenselemente des Menschen (der Mensch als Körper-Wesen, als kognitiv-emotionales Wesen und als soziales Beziehungswesen) um die Dimension der Kultur, in dem die Anpassungsprozesse stattfinden. Der Kontext und die kulturelle Umwelt spielt v.a. bei Mergerprozessen eine wichtige Rolle, wenn Unternehmenskulturen "zusammenwachsen", also gemeinsam eine neue Ordnung, eine neue Kultur entwickeln.

3. Das teleologische Verständnis von Menschsein. Hier bricht Kriz das Sinnkonzept von Frankl mit dem Sinnverständnis auf einer Meta-Ebene (Lebens-Sinn) runter auf die tägliche Ebene des Handelns in konkreten Anpassungsprozessen des Alltags. Das "Ausgerichtetsein auf eine Zukunft" ist auch mir besonders wichtig, wenn wir im Change arbeiten. Was ist der Auslöser und Treiber, warum die alte Ordnung nicht mehr gelten kann? Der Sense of Urgency nach Kotter ist das eine. Aber die Vision, die erwünschte Zukunft und was sie mir persönlich bringen wird, ist als Gegenpol die Kraft, die Menschen durch den Strudel hin zur neuen Ordnung zieht. In psychotherapeutischen Prozessen ist dieser Gedanke ebenso wichtig wie für Führungskräfte im Dialog mit ihren Mitarbeitern. Hier unterscheidet Professor Kriz die Bedeutung von Sinn und Zielen im Unterschied zur Funktion von Plänen. Pläne sollte man anpassen, wenn die Umgebungsbedingungen sich ändern, Ziele und Sinn können stabil bleiben und den roten Faden durch die oft anstrengenden Anpassungsprozesse bieten. Deshalb ermutigen wir immer wieder, Sinn und Unternehmensziele, aber auch das damit verbundene Team- und Einzelziel in der Führungsarbeit immer wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Psychologie ist die Lehre vom Denken, Handeln und Fühlen des Menschen. Jürgen Kriz treibt die Frage "Wer bin ich eigentlich in dieser Welt?" und der Antrieb, in seiner Arbeit den Menschen tiefer verstehen zu wollen. Für meine Arbeit ergänze ich das durch den Aspekt "Wie kommen Menschen zu neuen Antworten, wenn sie sich in Unternehmen an neue Umwelt-Bedingungen anpassen müssen?". Diese Suchprozesse finde ich immer wieder äußerst spannend und inspirierend. Das Interview kann dazu reichhaltige Inspiration bieten - auch für Führungskräfte und nicht nur für Psychologen :-). http://systemagazin.com/personzentrierte-systemtheorie/

Veröffentlicht von Dr. Eva Strasser.

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