Lernen als jemand der das Wort "lernen" nicht mag

Das Coverbild entspringt Daniel Newmans “The Process of Design Squiggle”. Der "Newman Design squiggle" visualisiert einen Gedankenprozess "of finding your purpose" -- der Selbstfindung / seine persönliche Bestimmung zu finden -- von Lärm und Unklarheit zu Klarheit und Fokus. Aus Lärm entsteht Ungewissheit, aus Ungewissheit Muster, und aus Muster letzlich Einsicht. Mehr dazu im nächsten Blog von Sonia Scholze. [Quelle: https://gobemore.co/the-newman-design-squiggle-and-finding-your-purpose/]


Lernen. Nicht jeder ist ein Fan davon. Insbesondere, wenn es um Themen geht, die einen garnicht interessieren. Wie machen wir Lernen attraktiver, und vorallem, was bedeutet Lernen eigentlich?

 

Bereits zu Anfang meiner Zeit bei Strasser und Strasser wurde ein Motiv glasklar: Lernen. Immer, überall. Am besten im Vorbeilaufen alles Wissen aufschnappen, das die eigene Entwicklung und die des Umfeldes vorantreiben könnte. Aufsaugen, verarbeiten, einen eigenen Charakter verleihen und wiedergeben.

Bei dem Wort „lernen“ läuft’s mir nur leider eiskalt den Rücken runter, doch wieso?

 

Selbstreflexion und die daraus abgeleitete „self-improvement“ (Selbstverbesserung) war in meinem Master, vor allem gegen Ende des Studiums, ein wichtiger Schwerpunkt. Im Curriculum sticht das Thema Selbstreflexion nicht sonderlich hervor, da die erbrachten Leistungen nur einen kleinen Teil der Gesamtpunktzahl ausmachen, den größten Impact auf alle Lebensbereiche haben sie aber allemal! Das fällt den Studierenden (inklusive mir) aber frühestens erst bei der Bearbeitung auf. Die Aufgabenstellung Reflexionen zu verfassen, wird anfangs oft negativ aufgefasst. „Oh nee wieso denn? Ich hab‘ doch schon das Feedback gelesen, reicht das nicht?“ Schön wär‘s. Wobei, ehrlicherweise nein, eigentlich nicht schön wär‘s, sondern schön wars!

In meinem akademischen Kontext wurden Reflexionen in Form von Essays geschrieben. Leitfragen haben hierbei anfangs den Fokus auf wichtige Themen und Punkte gelenkt, um den Studierenden das Schreiben von Reflexionen zu erleichtern.
„Reflective Essays“ demonstrieren die Verbindung von Theorie zu eigenen Erfahrungen und eigenen Meinungen. Eine Erfahrung bzw. ein Prozess wird festgehalten, um diese(n) anschließend kritisch zu analysieren. Stärken und Schwächen, die während der Erfahrung oder eines Prozesses (zB. ein Projekt) entdeckt und entwickelt werden, werden hierbei dann diskutiert. Anschließend können Pläne entwickelt werden, Stärken weiter auszubauen und anzuwenden und Schwächen zu verbessern. Erster Teil: Integration von Theorie und Erfahrung; Zweiter Teil: Identifikation von Learning Outcomes deiner eigenen Erfahrung. (DePaul University, 2012)

 

Meine eigenen Erkenntnisse der „reflective essays“ konnte ich selbst schon als großes positives Lernerlebnis weitergeben und so meinem kleinen Cousin im akademischen Wegfinden helfen. Im australischen Bildungssystem ist es möglich, im ersten Jahr beliebige Fächer nach Interessen zu wählen. Danach folgt die Spezialisierung, mit der mein Cousin sich schwertat, weil er seine Interessen nicht unter einen Hut bekam und ihm die Auswahl sehr schwerfiel. Um ihn darin zu unterstützen, herauszufinden welche Thematiken ihm wichtig waren, gab ich ihm die Impulse, die ich für das Schreiben unserer „reflective essays“ erhalten hatte. Ich erhoffte mir, dass er so während der Auseinandersetzung und dem physischen Aufschreiben seiner Themen automatisch seine priorisierten Passionen entdeckt. Genauso wie es bei mir war. Ich erinnere mich genau an eine Energie, die aus plötzlichen gedanklichen Zusammenfügungen, die einfach Sinn ergaben, entstand: das altbekannte Jucken in den Fingern.

Die Impulse waren folgende:

-       Definiere und beschreibe dein Verständnis von [eigener Thematik]

-       Wie vergleicht sich dieses Verständnis mit dem was du schon wusstest oder aus Recherche herausgefunden hast?

-       Welche Elemente der [eigenen Thematik] resonieren mit dir? / Mit welchen Elementen kannst du dich identifizieren?

-       Wie hast du die [eigene Thematik] schon in Erfahrungen observiert? Wie hast du dazu beitragen können?

-       Wie wirst du zur [eigenen Thematik] in den nächsten Monaten beitragen können?

 

Und mit diesen Impulsen möchte ich zum Thema des „Lernens“ übergehen. Was mir persönlich besonders aufgefallen ist, ist die gewinnbringende Möglichkeit Texte, Gespräche sowie diversen Input festzuhalten, wenn man schriftlich wiedergibt, was man „gelernt“ hat. Der Begriff „Lernen“ allerdings erinnert mich zu sehr an Mathe in der 7., woher aus meiner subjektiven Wahrnehmung die innere Abneigung kommt.

Viel mehr begreife ich das „Lernen“ aus Reflexionen wie Teile eines Brückenbaus. Die Bausteine entstehen aus zusammengefügten Gedanken, Impressionen und Wissen. Mit dem Runterschreiben von diesen Bausteinen werden Gedanken festgehalten, die eine Straße der Schlussfolgerung bilden. Es entsteht die Möglichkeit Muster zu erkennen, die sowohl im kreativen als auch analytischen Denken gebraucht werden, um „shortcuts“ zu bilden. Diese „shortcuts“ sind Vereinfachungen von den Straßen der Schlussfolgerungen. Sie stellen Heuristiken dar, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die Welt funktioniert. Hier entsteht also die altbekannte „Box“, aus der wir heutzutage oft ausbrechen müssen, um kreative Alternativen zu bereits bekannten Straßen zu finden.

Das Wort „Lernen“ mag ich also nur nicht, weil ich es mit Themen assoziiere, die man in der Schule nicht lernen wollte, aber musste. Einem wurde keine Wahl gelassen, Themen aus Interesse lernen zu können. Kreativerweise könnte man also nun sagen:  wir bauen Brücken aus zementierten Gedanken und ziehen sie höher mit dem Reflektierten, bilden uns Wege aus neuen Impulsen und finden Abkürzungen aus neuem Input. Wir finden Diese Metaphern sind in meiner Meinung nach wesentlich ansprechender, wenn es darum geht, etwas Neues dazu zu „lernen“. Wir können frei wählen, mit welchen Themen wir uns auseinandersetzen und haben die Möglichkeit unser Selbst eigenständig zu verbessern.

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